· 

An Sonjuscha

Ein Brief aus dem Gefängnis

Sonjuscha,

 wissen Sie, wo ich bin, wo ich Ihnen diesen Brief schreibe? Im Garten! Ich habe mir ein kleines Tischchen herausgeschleppt und sitze nun versteckt zwischen grünen Sträuchern. Rechts von mir die gelbe Zierjohannisbeere, die nach Gewürznelken duftet, links ein Ligusterstrauch, über mir reichen ein Spitzahorn und ein junger, schlanker Kastanienbaum einander ihre breiten, grünen Hände, und vor mir rauscht langsam mit ihren weißen Blättern die große, ernste und milde Silberpappel. Auf dem Papier, auf dem ich schreibe, tanzen leichte Schatten der Blätter mit hellen Lichtkringeln der Sonne, und von dem regenfeuchten Laub fällt mir auf Gesicht und Hände ab und zu ein Tropfen. In der Gefängniskirche ist Gottesdienst; dumpfes Orgelspiel dringt undeutlich heraus, gedeckt vom Rauschen der Bäume und dem hellen Chor der Vögel, die heute alle munter sind; aus der Ferne ruft der Kuckuck. Wie ist es schön, wie bin ich glücklich, man spürt schon beinahe die Johannisstimmung – die volle, üppige Reife des Sommers und den Lebensrausch; kennen Sie die Szene in den Wagnerschen Meistersingern, die Volksszene, wo eine bunte Menge in die Hände klatscht: Johannistag! Johannistag! und alles plötzlich anfängt, einen Biedermeierwalzer zu tanzen? In diese Stimmung könnte man in diesen Tagen kommen. – Was habe ich alles gestern erlebt!! Das muss ich Ihnen erzählen. Vormittag fand ich im Baderaum am Fenster ein großes Pfauenauge. Es war wohl schon ein paar Tage drin und hatte sich an der harten Scheibe zu Tode mattgeflattert; es gab nur noch schwache Lebenszeichen mit den Flügeln. Als ich es bemerkte, zog ich mich zitternd vor Ungeduld wieder an, kletterte aufs Fenster und nahm es behutsam in die Hände, – es wehrte sich nicht mehr, und ich dachte, es sei wohl schon tot. Ich setzte es bei mir auf das Gesims vor dem Fenster, damit es zu sich käme, und da regte sich noch schwach das Lebensflämmchen, aber es blieb still sitzen; dann legte ich ihm vor die Fühler ein paar offene Blüten, damit es was zu essen habe; gerade sang vor dem Fenster hell und übermütig der Gartenspötter, dass es hallte; ich sagte unwillkürlich laut: hör zu, wie das Vöglein lustig singt, da muss dir doch auch das bisschen Leben zurückkehren! Ich musste selbst lachen über diese Ansprache an das halbtote Pfauenauge und dachte mir: verlorene Worte! Aber nein – nach einer halben Stunde erholte sich das Tierchen, rutschte erst ein bisschen hin und her und flog endlich langsam fort! Wie freute ich mich über diese Rettung! Das war ein Erlebnis.

 

Nachmittags ging ich natürlich wieder in den Garten, in dem ich von 8 Uhr früh bis 12 bin (wo man mich zum Essen ruft) und wieder von 3 bis 6. Ich wartete auf die Sonne, ich hatte das Empfinden, sie müsse, sie müsse sich noch gestern zeigen. Aber sie zeigte sich nicht, und ich wurde traurig. Ich ging im Garten umher und sah bei dem leichten Winde etwas Merkwürdiges: an der Silberpappel zerflatterten die überreifen Kätzchen und ihr Samenflaum flog rings umher, füllte die ganze Luft wie mit Schneeflocken, bedeckte die Erde und den ganzen Hof; das sah so geisterhaft aus, wie der Silberflaum herumflatterte! Die Silberpappel blüht später als alle anderen Kätzchenträger, und dank dieser üppigen Samenausstreuung verbreitet sie sich sehr weit, ihre kleinen Schösslinge sprießen wie Unkraut aus allen Ritzen an der Mauer und zwischen Steinen.

 

Dann wurde ich um 6, wie immer, wieder eingesperrt, saß traurig mit einem dumpfen Druck im Kopf am Fenster, denn es war schwül, und blickte hinauf, wo unter weißen, flockigen Wolken auf pastellblauem Grund in schwindelnder Höhe die Schwalben munter herumschossen und mit ihren spitzen Flügeln die Luft wie mit Scherchen zu zerschneiden schienen. Bald verdunkelte sich aber der Himmel, alles verstummte, und es gab ein Gewitter mit heftigem Platzregen und zwei krachenden Donnerschlägen, bei denen alles erbebte. Daraus folgte ein Bild, das mir unvergesslich bleibt. Das Gewitter hatte sich bald weiter verzogen, der Himmel wurde dick einfarbig grau, eine stumpfe, fahle, gespenstische Dämmerung senkte sich plötzlich auf die Erde, es war, wie wenn dichte graue Schleier herabhingen; der Regen rieselte ganz leise und gleichmäßig auf die Blätter, das Wetterleuchten flammte einmal über das andere purpurrot in das bleierne Grau auf, und ein fernes Grollen des Donners rollte immer wieder wie letzte schwache Wellen einer Brandung heran. Und mitten in all dieser gespenstischen Stimmung schlug plötzlich vor meinem Fenster auf dem Ahorn die Nachtigall! Mitten in all dem Regen, im Wetterleuchten, im Donner schmetterte sie wie eine helle Glocke, sie sang wie berauscht, wie besessen, wollte den Donner übertönen, die Dämmerung erhellen – ich habe nie so Schönes gehört. Ihr Gesang wirkte auf dem Hintergrund des abwechselnd bleiernen und purpurnen Himmels wie leuchtendes Silbergeflimmer. Das war so geheimnisvoll, so unbegreiflich schön, und ich wiederholte unwillkürlich den letzten Vers jenes Goetheschen Gedichts: »0 wärst Du da!«...

 

Stets Ihre    

Rosa 

 

Die kurze Geschichte hinter dem Brief bzw. nach seiner Lektüre

Eigentlich erzählt dieser Brief aus dem Gefängnis schon eine eigene Geschichte, die Geschichte dahinter ist jedoch, dass ich diesen Text und danach das Goethe-Gedicht, das am Ende mit seinem Schlussvers zitiert wird, mit einem älteren, promovierten Flüchtling aus Syrien gelesen habe, um seine Übung im Deutschen etwas zu verbessern. Als Tiermediziner konnte er mir teilweise die lateinischen Namen der Vögel bzw. des Schmetterlings sagen. Herr A. meinte, beim ersten Lesen habe er etwa 20 % verstanden, nach dem zweiten Durchgang mit Worterläuterungen mehr als 90%. Beim Goethe-Gedicht war das Verstehen eher einfacher, aber das flüssige Lesen im Rhythmus fiel ihm wegen der unterschiedlich gedehnten Vokale - für mich - unerwartet schwer. Aber auch das wurde gemeistert. Eine Ermutigung zu Schwarzbrot - wie in der Spiritualität (Fulbert Steffensky).

 

Bernhard Riedl

 

 

Goethe in der Campagna (auch: Goethe in der römischen Campagna) - Gemälde  von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein,  1787, Öl auf Leinwand 164 × 206 cm Städel, Frakfurt/M., Foto: B. Riedl
Goethe in der Campagna (auch: Goethe in der römischen Campagna) - Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, 1787, Öl auf Leinwand 164 × 206 cm Städel, Frakfurt/M., Foto: B. Riedl

Nähe des Geliebten

 von Johann Wolfgang von Goethe

 

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer

Vom Meere strahlt;

Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer

In Quellen mahlt.

 

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege

Der Staub sich hebt;

In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege

Der Wandrer bebt.

 

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen

Die Welle steigt.

Im stillen Haine geh’ ich oft zu lauschen,

Wenn alles schweigt.

 

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,

Du bist mir nah!

Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.

O wärst du da!

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Bernhard Riedl (Freitag, 27 März 2020 10:01)

    Auch das ist nur ein Test.

Mit einem RSS-Reader in Ihrem Browser  können Sie diesen Blog  abonnieren.  Im Browser wird dann jeweils angezeigt, wenn sich in diesem Blog etwas getan hat. Kopieren Sie dazu diese URL in Ihren RSS-Reader: https://eigentlich.koeln/rss/blog/     

In vielen Browsern ist ein RSS-Reader bereits integriert oder kann als kostenfreie Erweiterung heruntergeladen werden.

Wir empfehlen z.B. Feedbro Reader für >>> Firefox oder für >>> Chrome.