Friedrich von Spee: Zeuge des Glaubens - Impulse für heute

Seelsorger, Dichter, Jurist

Teaser-Foto: (c) Clemens Breuer: Gedenktafel am ehem. Jesuitenkolleg in der Marzellenstraße 32, Köln
Teaser-Foto: (c) Clemens Breuer: Gedenktafel am ehem. Jesuitenkolleg in der Marzellenstraße 32, Köln

Eigentlich … hätte heute in der Kirche St. Ursula im Rahmen der Reihe „Spiritualität im Gespräch“ ein Vortrag von Markus Roentgen über den Jesuitenpater, Denker und Dichter Friedrich von Spee stattgefunden.

 Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635), Jesuit, bedeutendster Lyriker des Frühbarock, entscheidender Kämpfer gegen den Hexenwahn und Seelsorger, der sich bei der Pflege an der Pest erkrankter Menschen inmitten des Dreißigjährigen Krieges infizierte und dahin gerafft wurde, vermag vielleicht gerade in unserer Zeit der Corona-Pandemie wertvolle spirituelle Impulse geistlicher Zivilcourage zu vermitteln.

Markus Roentgen ist Referent für Spiritualität und Exerzitien im Erzbistum Köln. Seinen vollständigen Beitrag dokumentieren wir hier für Sie direkt hier unten als pdf zum Herunterladen.

Lesehinweis: F. von Spee, Cautio criminalis oder Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse, München 1982 (dtv 2171) 

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Markus Roentgen: Friedrich Spee
Der Jesuit Friedrich von Spee hat vor rund 400 Jahren so anrührende Liedtexte wie "Zu Bethlehem geboren" geschrieben, aber auch gegen Hexenverfolgung gekämpft.
Friedrich_Spee_Markus_Roentgen_2020.pdf
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Woran er glaubte – wofür er lebte

 

G. Ruppert über Friedrich Spee

 

Dem Dichter Friedrich Spee begegnet man in Deutschland in aller Regel zum ersten Mal schon als Kind; dass der Autor von »Zu Bethlehem geboren« aber auch der Autor der »Cautio criminalis« und damit des mutigsten Buches über die Hexenverfolgung ist, stellen wir erst später und dann zumeist mit Erstaunen fest. Er war Dichter, Seelsorger und Wissenschaftler.

Seine wissenschaftliche Arbeit war geprägt von einem pastoralen Grundanliegen und gründete in einer tiefen Frömmigkeit. Weil er die Not derer, die er als seine Nächsten verstand, mitfühlte und teilte, konnte der Autor beschaulicher, zärtlich inniger Lyrik und kritischer, scharfsinnig differenzierender Texte sogar ausfallend werden:

Was wundern wir uns noch, wenn alles voller Hexen ist? Wundern wir uns lieber über die ungeheure Blindheit der Deutschen und die Beschränktheit selbst der Gelehrten. Aber sie sind freilich gewohnt, in Ruhe und Behaglichkeit hinter dem Ofen ihren Gedanken nachzuhängen, und das sie nicht einmal eine bloße Vorstellung von dem Schmerz der Tortur besitzen, haben sie prächtige Gedanken und Worte über die Folgerung der Angeklagten und ordnen sie so freigiebig an, wie ein Blinder von der Farbe redet, von der er doch keinen Begriff hat….Wenn sie hernach auch nur für die Hälfte einer Viertelstunde auf die Folter gespannt würden, dann würden sie schnell genug ihre ganze Weisheit und großmäulige Philosophie fahren lassen. Denn sie philosophieren recht kindisch über Dinge, von denen sie nichts verstehen.


 In der Cautio criminalis argumentiert er mit großem Scharfsinn, geschult durch scholastische Philosophie und Theologie, motiviert durch jesuanische Nächstenliebe und Empathie. Dieses Buch ist ein Dokument der Freiheitsgeschichte, denn es ist ein mutiges Zeichen des Widerstands in Zeiten von Wahn und Angst, Krieg und konfessionellen Auseinandersetzungen. Selbst in unserer anscheinend aufgeklärten Zeit kennen wir diese Phänomene noch allzu gut; um so mehr wird deutlich, dass Spee zu den Befreiern der Menschheit gehört. Es entspräche aber nicht seinem Leben, umgäbe man ihn mit dem Mantel des Extraordinären; seine Werke erschienen anonym; selbst wenn heute das erwähnte Weihnachtslied im „Gotteslob“ mit seinem Namen versehen ist, erinnert die dort vermerkte Jahreszahl noch stumm an diese Tatsache: 1637! Das ist immerhin zwei Jahre nach seinem Tod. Trotz des Ungewöhnlichen und Großartigen, das sich in seinem Leben zeigt, schreibt Karl Rahner, „fragt uns auch dieses Leben mehr durch seine bittere Normalität als durch seine Großartigkeit, ob wir (wie er vor den Scheiterhaufen der Hexen) in einer Zeit des Holocaust an Gott glauben und noch für den Menschen etwas zu hoffen zu wagen, ob wir auch in den Zwängen unserer Gesellschaft und über alle Proteste gegen ihre Unmenschlichkeit hinaus unser Leben als Nachfolge des Gekreuzigten verstehen und jetzt schon die letzte Freiheit in Gott ergreifen können.“

Die Hexenverbrennungen waren nach Auffassung von Heinrich Böll „Zerstörung von Poesie“; vielleicht ist das neben der theologischen und seelsorgerischen Herausforderung der Grund für dieses so unterschiedliche literarische Schaffen: Der „lebensgefährliche“ Einspruch gegen die menschenverachtenden Hexenjagden und die mörderischen Prozessmethoden war komplementär zu seinem dichterischen Lob Gottes. Der Lyriker war in seiner Kreativität rational herausgefordert durch die menschliche Perversion der Schöpfung, durch die geschundene Kreatur. Als „Kampf und Kontemplation“ kann man die doppelte Seite des Schaffens von Friedrich Spee vielleicht auf den Begriff bringen.

Diesen Artikel hat uns Godehard Ruppert,

Theologieprofessor und Präsident der Otto-Friedrich-Universität Bamberg,

freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Er ist entnommen dem Buch:

Woran sie glaubten – wofür sie lebten,

365 Wegbegleiter für die Tage des Jahres, Kösel 1993

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Kommentare: 2
  • #1

    Benno Kurze (Montag, 13 April 2020 13:01)

    Friedrich Spee ist für mich interessant geworden, weil er der Namensgeber meiner Schule war. Seit Schultagen habe ich immer ein offenes Auge und Ohr für diesen großen Jesuiten, der sich übrigens bei der Betreuung und Pflege von verwundeten und pestkranken Soldaten in Trier ansteckte und schon mit 44 Jahren starb. Daran musste ich denken, als ich ein Streitgespräch über die Notwendigkeit von "Social Distancing" in der ZEIT las, wo der Jesuit Klaus Mertes eine sehr kritische Meinung zur diesbezgl. Praxis mit Alten und Kranken vertrat.

  • #2

    Elisabeth Vormschlag (Montag 11.5.2020) (Montag, 11 Mai 2020 08:04)

    Danke für diesen Beitrag "Von geistlicher Zivilcourage" . Erst auf den Seiten 5 und 6 wurde mir erlebnismäßig klar, an wieviel Gewöhnung ... wir fast vorbeigehen:
    "O Heiland, reiß die Himmel auf" / ... "Dich wahren Gott ich finde.." / "Dich liebt o Gott, mein ganzes Herz .." ...
    Bewußtheit schaffend! Wir singen das von Kindheit an ... hören wir uns selber eigentlich wirklich zu? Der Zusammenhang mit dem Text über Friedrich von Spee kann da schon gewaltig in die Betroffenheit und Tiefe führen.

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