Der Dialog mit den Religionen

Gespräche zwischen Aleviten und Christen

(c) Yilmaz Kahraman
(c) Yilmaz Kahraman

Eigentlich...war heute das Thema "Heilige und ihre Bedeutung im Alevitentum und im Christentum" vorgesehen. Stattdessen geben wir hier eine kurze Einführung ins Alevitentum, die der Geschäftsführer des Bundes der Alevitischen Jugendlichen in NRW e.V. erstellt hat:

 

Die Wurzeln des Alevitentums reichen bis in die antiken Kulturen Anatoliens und Mesopotamiens zurück. Alte Glaubensüberzeugungen und Rituale wurden von der Bevölkerung dieser Regionen beibehalten und tradiert, bis sie im Alevitentum aufgingen. Die heutige Form des Alevitischen Glaubens entstand im 13. Jahrhundert unter der Herrschaft der Anatolischen Seldschuken. Die politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen sowie die sozialen Missstände unter dem Seldschukischen Reich drückten sich in einem religiösen Protest und Widerstand gegen die Machthaber aus. Derwische und Geistliche jener Zeit, die nicht konform mit der Staatsreligion waren, organisierten das entrechtete Volk für eine Welt mit mehr Ordnung und Gerechtigkeit. In ihren Lehren predigten sie die Nächstenliebe, die Liebe zur Schöpfung, die Gleichwertigkeit der Menschen und das Streben nach Wahrheit und Erkenntnis. Mit den Ritualen und religiösen Überzeugungen des Volksglaubens, die zum Teil tausende Jahre zurückgehen, formierten sie einen spirituellen Weg, aus dem später das heutige Alevitentum hervorging.

 

Das Ziel im Alevitentum ist es, dass der Mensch die Vervollkommnung (Insān-ı Kāmil) erreicht. Dafür  ist ein mystischer Weg (Yol) definiert, der durch die Regeln der 4 Tore und 40 Stufen (4 Kapı 40 Makam) festgelegt ist. Nächstenliebe, das Leben im Einvernehmen (Rızalık), Bescheidenheit, die Gleichbehandlung von allen Völkern, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie die Ehrung und Bewahrung der Natur sind einige Elemente aus den Geboten der Anatolischen Aleviten.

 

Folgende Weisheiten werden auf alevitische Geistliche zurückgeführt:

  •  Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch… (Hünkar Bektaş Veli – 13. Jh.)
  • Schätze keinen Menschen und keine Nation gering…   (Hünkar Bektaş Veli – 13. Jh.)
  • Wir lieben die Schöpfung, des Schöpfers Willen… (Yunus Emre 13./14. Jh.)
  • Die Größe des Menschen ist die Schönheit seiner Worte… (Pir Sultan Abdal 16. Jh.)

Diese Zitate von Geistlichen sollen kurz die Philosophie des Alevitentums demonstrieren. Wichtig ist zu wissen, dass diesen „Weg“ viele Geistliche und spirituelle Würdenträger geprägt haben. Je nach Jahrhundert hat man die Vorfahren der Aleviten anders bezeichnet. Unter den Osmanen waren sie bekannt als Kızılbaș (gesprochen: Kizilbasch). Auf Türkisch heißt Kızılbaș einfach Rotkopf oder Rotschopf und ihre Bezeichnung leitete sich aus ihrer Ordenstracht heraus, die eine rote Kopfbedeckung hatte. Unter den Osmanen wurden die Kızılbaș blutig verfolgt, weil sie u.a. die islamische Scharia ablehnten. Ihre Religionsgemeinschaft wurde verunglimpft und ihr Name negativ konnotiert. So existierten im Osmanischen Reich ganz verschiedene pejorative Bezeichnungen für sie. Erst ab dem 19. Jahrhundert hat sich der Begriff Alevi durchgesetzt. Alevi bedeutet im osmanischen wörtlich „Aliden“, gemeint sind diejenigen, die sich auf die Seite von Ali stellen, einem Vetter des muslimischen Propheten Mohammed. Diese Namensgebung lässt zunächst erahnen, dass Aleviten schiitische Muslime wären. Die Glaubenslehre und –praxis des Alevitentums unterscheidet sich vom Schiitentum gänzlich. Auch die Islamzugehörigkeit des Alevitentums wird in den letzten Jahren immer mehr kontrovers diskutiert.

 

  Ein Beitrag von Yilmaz Kahraman


(c) Yilmaz Kahraman
(c) Yilmaz Kahraman

Die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF)

 

In Deutschland leben ca. 700.000 Alevitinnen und Aleviten. Damit ist die Religionsgemeinschaft der Aleviten, nach Christen und sunnitischen Muslimen, die drittgrößte hierzulande. Die Alevitische Gemeinde Deutschland (Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu, kurz: AABF) ist der einzige Dachverband der in Deutschland lebenden Alevitinnen und Aleviten. In Deutschland ist die AABF eine der größten von Menschen mit Migrationshintergrund gegründeten Organisationen und vereint bundesweit über 160 Gemeinden, die sog. Cemevi (Cemhäuser). Seit dem Jahr 2007 ist die Alevitische Gemeinde Deutschland eine anerkannte Religionsgemeinschaft und erhielt durch diesen Status das Recht auf Religionsunterricht. Derzeit besuchen über 1400 Schülerinnen und Schüler in Deutschland den Alevitischen Religionsunterricht (ARU). Zu den wichtigsten Errungenschaften der AABF gehört sicherlich die Revitalisierung des Alevitentums in der Bundesrepublik.

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