Filmforum

Arthur & Claire

Filmplakat vom Verleih. Foto Teaser: (c) B. Riedl
Filmplakat vom Verleih. Foto Teaser: (c) B. Riedl

Eigentlich… wären heute vor drei Wochen in der Reihe „Filmforum“ wie an jedem ersten Freitag im Monat im Kino der DOMFORUMs nacheinander zwei vom Cineasten Jürgen Kisters ausgewählte Filme gezeigt worden mit der Gelegenheit, anschließend darüber ins Gespräch zu kommen.

 Was die beiden auf dem Programm stehenden Spielfilme, 'Arthur & Claire' (D/A/NL 2017, Regie: M. Alexandres, 98 Min. und 'Siddharta' (USA 1971, Regie: C. Rooks, 82 Min.), so erschreckend aktuell machen, ist die Thematisierung des Sinnfrage.

Hier nur einige Ausführungen zum ersten Film:

So sind bei 'Arthur & Claire' zwei Menschen, jeder für sich, so müde und verzweifelt vom Leben und der eigenen Person, dass sie an den heiklen Punkt geraten sind, mit ihrem Leben abschließen zu wollen. Der an Krebs erkrankte Arthur hat bereits mit seinem Leben abgeschlossen und ist mit dem Vorsatz nach Amsterdam gefahren, sich in einer Klinik für Sterbehilfe das Leben zu nehmen. Am Vorabend möchte er in seinem Amsterdamer Hotelzimmer noch ein letztes Festmahl zu sich nehmen und einen Abschiedsbrief an seinen Sohn schreiben. Allerdings stört ihn dabei die laute Musik aus dem Zimmer nebenan. Arthur geht hinüber, um sich zu beschweren, und macht dabei die Bekanntschaft der Anfang 30-jährigen Claire, die gerade dabei ist, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Arthur gelingt es, sie von der Selbsttötung abzuhalten. Die Diskussion über den Sinn eines Lebens, das nicht gerade vom Glück überstrahlt ist, mündet in den Kompromiss, einen letzten Abend gemeinsam zu verbringen. Claire zeigt Arthur das Nachtleben von Amsterdam, sie spazieren durch die Straßen, verlieren sich in Coffee-Shops und Whiskey-Bars. Arthur erfährt, dass ein Jahr zuvor Claires fünfjährige Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, während Claire am Steuer des Autos saß und überlebte. Durch die Gespräche mit Arthur fasst sie neuen Lebensmut. Dagegen scheint es ihr nicht zu gelingen, Arthur von seinem Vorhaben der Selbsttötung abzubringen. Als Arthur am nächsten Morgen schon an der Klinik ist, dreht er plötzlich doch noch um, sucht Claire und findet sie. Gemeinsam reisen sie in den Heimatort von Claire.

 Ein Film wie Arthur & Claire führt unweigerlich an die eigenen Abgründe, wenn man aufrichtig darüber spricht. Und in einer Situation, in der es sinnvoll und notwendig ist, sich zusammen zu nehmen, umsichtig, ruhig und gelassen zu bleiben, macht es keinen Sinn, mit Filmen Komplexe von Angst und Schuld und Lebensmüdigkeit gezielt zu beleben, auch wenn der Film ein versöhnliches Ende hat.

Ich meine damit auch die seltsame Atmosphäre von Verlorenheit, Dumpfheit, Leblosigkeit und Misstrauen, die ich gestern in den zwei Supermärkten und der Bäckerei verspürte, nachdem ich nach zwei Wochen das Haus zum ersten Mal für notwendige Lebensmitteleinkäufe verlassen hatte.

Foto: (c) B. Riedl
Foto: (c) B. Riedl

Weniger Höflichkeit als Angst bestimmte das Zusammenkommen der Menschen, obwohl es so viele nicht waren, als dass sie hätten nervös werden müssen. Stille, Abgewandtheit, Misstrauen und eine grundsätzliche Feindseligkeit herrschte in den gleichen Gängen, in denen vor zwei Wochen zum Beginn der Krise hierzulande noch Lebendigkeit geherrscht hatte. Eine seltsame Verzweiflung und durch keine Vorsichtsmaßnahme zu erklärende Abgrenzung steckte in vielen Körpern. Sie hätten trotz der schwierigen Lage lächeln können. Ein Lächeln auf zwei, drei, vier Meter Entfernung sollte keine Schwierigkeit sein, aber die meisten Menschen, die ich sah, hatten ihre Fähigkeit zu lächeln verloren. So wie Arthur & Claire am Anfang des Spielfilms, weil sie nicht nur kein Vertrauen zum eigenen Leben mehr haben, sondern auch keines zu anderen Menschen.

Die Kinobesucher hätten nach der Vorstellung den Film zweifellos zum Anlass genommen, um darüber zu sprechen, wann Menschen das Vertrauen ins Leben verlieren, von welchen Bedingungen es abhängt, den äußeren in der Gesellschaft und den inneren in der Dynamik des seelischen Geschehens. Beides ist unauflösbar miteinander verflochten.

Ich hätte ganz sicher im Zusammenhang mit diesem Film darüber sprechen wollen, wie ein Mensch einem anderen aus seiner Angst und Vereinsamung heraushelfen kann, aber auch darüber, wie Menschen durch ihre Erfahrung mit anderen Menschen in Verzweiflung und Einsamkeit geraten. Menschen bringen einander an den Abgrund, und Menschen helfen einander, am Abgrund den Mut nicht zu verlieren. Im besten Fall hilft einer dem anderen, sich weit von dem Abgrund zu entfernen, dessen Existenz nicht geleugnet werden kann. Vieles ist möglich, der Film zeigt die glückliche Verwandlung, die ein Mensch durch einen anderen zustande bringen kann.

Wenn das Schlimmste vorüber ist (und noch ist es nicht vorüber) könnten beide Filme noch einmal auf dem Programm stehen. Es könnte dann darüber geredet werden, mit vielen Zuschauen in einem Raum, mit Abstand, wenn es noch immer nötig ist. Oder aber es bräuchte kein weiteres Wort. Dass Filme sich von selbst verstehen würden, käme der Vorstellung gleich, dass der Mensch sich von selbst verstehen würde.

 

Ein Beitrag von Jürgen Kisters

Jürgen Kisters ist Kulturjournalist und lebt in Köln-Höhenhaus

Tipp für Film-Fans


Für die Zeit bis wieder "Normalität" eintritt, hat die Medienzentrale des Erzbistums übrigens ein Angebot auf ihrer Website zusammengestellt, das Online-Filme empfiehlt und Methodentipps zum Selbst-Kreativ-Werden bietet.

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