75 Jahre Kriegsende

Köln, Paul und der Krieg

In diesem Frühjahr steht das gesellschaftliche und kulturelle Leben im Schatten der Corona-Krise.

Eigentlich... aber wäre ein anderes Thema dran gewesen: Das Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich am 8. Mai zum 75. Mal jährt.

Dieser Jahrestag wäre auch das beherrschende Thema meiner Arbeit gewesen. Genauer gesagt: Lesungen aus meinem Buch „Paul und der Krieg“ – unter anderem als Veranstaltungen des Katholischen Bildungswerks. Es ist die Geschichte eines Kölner Jungen, der im Jahr 1943 als 15-Jähriger zur Flak und damit von der Schulbank weg in den Krieg gezogen wurde; ein Ausschnitt aus dem Leben meines Vaters Paul Haentjes, Jahrgang 1927, rekonstruiert aus den Dokumenten und Aufzeichnungen seines Nachlasses.

 

Wahrscheinlich ist Pauls Geschichte beispielhaft für die Erfahrungen vieler Männer seiner Generation: Aus der Schule zur Flak. Eineinhalb Jahre Demütigung der „grünen Jungen“ durch Vorgesetzte, dazu schlechte Verpflegung und politische Indoktrination. Anschließend Arbeitsdienst. Schippen und mit dem Spaten exerzieren. Von dort im Januar 1945 zur Wehrmacht. „Rekrutenausbildung“ an Waffenattrappen – denn die Wehrmacht hat längst kein Material mehr. Danach, im März 1945, an die Front, in den Korridor an der Elbe. Gefechte, Omnipräsenz des Todes – ob Soldaten oder Zivilisten. Eine russische Kugel durchschießt Pauls linke Schulterklappe. Zehn Zentimeter tiefer, und Pauls Leben wäre mit 17 Jahren beendet gewesen. Kurz darauf stellt sich Paul den Amerikanern. Gefangenschaft. Transporte auf offenen LKW und Güterwaggons. Erschöpfung. Schließlich Ankunft in einem Rheinwiesenlager. Kaum Schutz vor der Witterung. Hunger. Neun Wochen Bangen und Hoffen – während Hitler Selbstmord begeht und Deutschland am 8. Mai offiziell kapituliert. Erst am 1. Juli 1945 kommt Paul frei. Er ist keine 18 Jahre alt – aber wer ihn sieht, hält ihn für Mitte 20.

alle Fotos in diesem Beitrag (c) Familie Haentjes
alle Fotos in diesem Beitrag (c) Familie Haentjes

Ich habe mich gefragt, wie mein Vater diese Zeit mental überlebt hat. Geholfen hat ihm sicher sein optimistisches Naturell, mit dem er gesegnet war und an dem er sich festgehalten hat. Offenkundig aber hat ihm auch sein Glaube geholfen; darauf deuten jedenfalls Erinnerungsstücke an die Zusammenkünfte der Kölner Stadtjugend hin - die „Junge Kirche Kölns“ unter dem damaligen Kaplan Reinhard Angenendt -, die Paul im Krieg und während seiner Gefangenschaft bei sich trug.

Pauls Geschichte liegt heute, im Mai 2020, lange zurück. Dennoch aber bleibt sie aktuell. Nicht nur deswegen, weil wir die Gräuel der Nazizeit nicht vergessen dürfen. Sondern weil das, was Paul 1943 bis 1945 erlebt hat, in abgewandelter Form auch heute noch Realität ist: In zu vielen Ländern der Erde werden weiterhin Kinder und Jugendliche als Soldaten missbraucht.

 

Zu Beginn der Corona-Krise sprach die Bundeskanzlerin davon, dass das Land vor einer der größten Herausforderungen nach dem Zweiten Weltkrieg stehe. Nicht wenige Bürgerinnen und Bürger verstanden ihre Worte falsch – nämlich so, dass die Bevölkerung mit der Corona-Krise einer ähnlichen Herausforderung wie dem Zweiten Weltkrieg gegenüber stehe. Ich kann nur hoffen, dass „Paul und der Krieg“ einen kleinen Beitrag dazu zu leisten vermag, dieses fatale Missverständnis aufzulösen. Denn so schwer die Krise auch zu bewältigen scheint – an die Grauen des Zweiten Weltkriegs reicht sie bei weitem nicht heran.

 

Ein Beitrag von Dorothee Haentjes-Holländer

 

 

Dorothee Haentjes-Holländer lebt als freiberufliche Autorin und Übersetzerin in Bonn-Beuel. Nach der Aufhebung des Veranstaltungsverbots wegen der Covid 19-Epidemie wird sie die Lesungen aus „Paul und der Krieg“ wieder aufnehmen, ebenso wie Lesungen aus dem Buch „Lieber Engel ... Briefe aus Köln 1946 – 48“.

Termine und weitere Informationen unter www.dorothee-haentjes-holländer.de


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