Filmforum im Mai: "303"

'303' - das Lebensgefühl einer Generation als Roadmovie

Plakat Film '303', Foto Teaser (c) B. Riedl
Plakat Film '303', Foto Teaser (c) B. Riedl

Eigentlich... ist heute erneut ein Spielfilm im Domforum-Kino auf dem Programm, und erneut ohne Publikum. Somit keine spontanen Reaktionen nach dem Ende, wenn die Personen-Angaben und der letzte Ton der Musik im Abspann vorüber sind. Keine Fragen, keine Diskussionen, keine gegensätzlichen Ansichten.

 

Was hätte man schauen können?

Die Geschichte zweier junger Menschen, beide im Alter von 24 Jahren, die sich zufällig auf einer Autobahnraststätte treffen, um sich auf eine gemeinsame Reise von Berlin nach Köln, über Belgien und Frankreich nach Portugal und Spanien zu begeben.

Ein klassisches Roadmovie, eine Reise durch das Land, die zugleich zur Erkundung der undurchsichtigen Gefilde im Innern der Reisenden führt. Jule besitzt einen alten Mercedes 303 Camper, mit dem sie sich auf den Weg nach Spanien macht, um ihrem Freund, der dort lebt, mitzuteilen, dass sie schwanger ist. Jan, der Tramper, den sie mitnimmt, hat gleichfalls einen bestimmten Grund, um in den Süden zu fahren. Er will zum ersten Mal seinen leiblichen Vater besuchen, von dem Jan 17 Jahre lang nicht wusste, dass er existiert.

Auf der langen Fahrt führen die Biologiestudentin Jule und der Politikwissenschaftsstudent Jan viele Gespräche über den Zustand der Welt und das Leben im Allgemeinen, über Kapitalismus und Darwinismus und ihre ganz persönliche Ängste und Sehnsüchte. Sie sprechen über Liebe und Sexualität, die Unterschiede in der Wahrnehmung von Männern und Frauen, Freiheiten und Kränkungen.So formulieren sie, ganz aus der Sicht westlicher akademischer Mittelstandskinder, nicht nur unterschiedliche Blicke auf die Gesellschaft, sondern führen zugleich den allmählichen Prozess einer behutsamen gegenseitigen Annäherung vor Augen und Ohren.

 

'303' ist einer dieser Filme, der mit gänzlich unspektakulären Mitteln den Versuch unternimmt, das Lebensgefühl einer bestimmten Generation zum Ausdruck zu bringen. Das heißt, der Film repräsentiert die Generation der jungen Menschen, die in der behüteten Wohlstandsgesellschaft Deutschlands aufwuchsen und fraglos zu den Privilegierten in einer Welt gehören, in der Krieg, Flucht, Armut, Hunger, Naturzerstörung und Unterdrückung unvermindert vorherrschen. Ohne dass der Film diesen Unterschied zu jungen Menschen anderer sozialer Herkunft allerdings thematisierte. Er erwähnt es nicht einmal, was wiederum die Erkenntnis bestätigt, dass die (jungen) Menschen der deutschen Mittelschicht sehr dazu neigen, ihre Erfahrungen, Gedanken und Ansprüche zu einem allgemeingültigen Maßstab im Blick auf die Welt zu machen.

Auch das sollte ein Thema sein, das sich aus dem Schauen des Filmes ergibt. Jule und Jan liefern in ihren Gesprächen viele Stichworte und Gedankenanstöße: Der Kapitalismus als Maschinerie zur Schaffung unzufriedener Menschen, weil Unzufriedenenheit die beste Voraussetzung für Konsum ist. Wie hängen die biologische Grundlage des sexuellen Verlangens und die Fähigkeit zur Liebe zusammen; welcher Zwanghaftigkeit folgen Menschen in ihrer Beziehung zum anderen Geschlecht und welche Möglichkeiten hat ihr bewusster Wille? Wie sehr prägen Erfahrungen in der Kindheit (Erschütterungen, Kränkungen, Verlust, Mangel) die Art eines Menschen im Umgang mit anderen Menschen?

 Was der Film auch zeigt: Die Bedeutung des ernsthaften Redens zwischen Menschen. Eines wechselseitigen Gespräches, in dem ein Mensch

auf den anderen eingeht, und ihm so erst ermöglicht, bestimmte Gedanken über sich selbst zu entfalten. Manche Dinge müssen ausgesprochen werden, um zu einer Erkenntnis werden zu können. Gegen die Angst und gegen die Scham. Reden hilft, um sich selbst besser zu verstehen. Allerdings braucht man ein Gegenüber, das mehr ist als nur eine Projektionsfläche für die eigenen Wünsche, Ängste, Vorstellungen, Ansprüche. Übertragungen geschehen immer. Gut ist daher, wenn der andere Mensch sichtbar machen kann, in welchem Moment sie geschehen. Neben Aufmerksamkeit ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung für ein gelungenes Gespräch eine wohlmeinende Haltung, Verständnis, Anteilnahme. Das ist die Haltung, die beide, Jule und Jan, einander entgegen bringen. Sympathie, liebevolles Miteinander-Umgehen werden im Film gleichermaßen als Grundhaltung und als Prozess einer Entwicklung sichtbar.

 

Bei all den problematischen Komplexen der individuellen Erfahrung und der allgemeinen Situation in der Welt, die im Film angesprochen werden, wünscht sich der Betrachter ein glückliches Ende mit den beiden. Soviel wurde zuvor vom Scheitern der Liebe und vom Scheitern in Paar-Beziehungen geredet. Der Film enttäuscht die Betrachter nicht. Roadmovies erzählen oft Geschichten vom Ausbrechen aus der Enge bestehender Strukturen. Und damit verbunden ist oft die Erkenntnis, dass die Befreiung von den eigenen Zwängen nicht in der großen Welt zu finden ist, sondern allein in einem selbst. Etwas in dieser Art sagt Jan gegen Ende des Films. Genau das haben gerade die Deutschen in der Mehrheit noch immer nicht verstanden. Sie fahren seit Jahrzehnten wie die Weltmeister in alle Länder der Welt, belasten in Flugzeugen, Autos und auf Kreuzschiffen Klima und Gleichgewicht der Erde, während sie alles tun, um die Reise ins eigene Innere zu vermeiden. Es ist zu befürchten, dass sie auch nach der Corona-Pandemie damit weitermachen wollen.

 

Ein Beitrag von Jürgen Kisters

Jürgen Kisters ist Kulturjournalist und lebt in Köln-Höhenhaus


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