Kölner Literarisch-theologisches Quartett

Bücher, in denen alte Fragen zu Bibel, Gottesbild und Glauben quer gedacht werden

EIGENTLICH… fände heute Abend das Literarisch-theologische Quartett statt – eine traditionsreiche Veranstaltung, läuft sie doch schon im 22. Jahr im DOMFORUM. Ideenentlehnt dem Literarischen Quartett Marcel Reich-Ranickis treffen sich seit Oktober 1998 eine Dame (Heidi Ruster) und zwei Herren (Dr. Ulrich Harbecke und Dr. Werner Höbsch) mit einem Gast (heute wäre es Norbert Bauer von der Karl Rahner Akademie gewesen) zum literarischen Plausch, besprechen, diskutieren kritisch, aber selten verreißend, je zwei belletristische und theologisch-spirituelle Bücher, bieten Leseanregungen für Lesebegeisterte, heben manchen Leseschatz und stellen Bücher vor, die vielleicht in den Buchhandlungen nicht entdeckt worden wären. Mit den Jahren viele Meter Bücherregal…

Und da in den vielen Jahren die Köselsche Buchhandlung und seit deren Schließung der Altenberger Domladen Mitveranstalter ist, bietet sich den Gästen des Quartetts immer die Möglichkeit, die besprochenen Bücher am Ende der Veranstaltung zu erwerben und sich schon nächtens zu Hause den eigenen Lesefreuden hinzugeben – so wie die Leseleidenschaft eine/n treibt…

 

EIGENTLICH ergeben sich an einem solchen Abend nach Präsentation und Diskussion auf dem Podium auch viele interessante Gespräche der Gäste mit den Diskutanten und untereinander, denn es gehört zu jedem Abend, sich noch etwas Zeit für den literarischen Austausch bei einem Glas Wein zu nehmen. Das lässt sich in diesen Zeiten aber beim Lesen zu Hause auch alleine trinken, obwohl es heute Abend in literarischer Gemeinschaft EIGENTLICH schöner gewesen wäre…

 

Damit Sie aber einen Eindruck vom Literarisch-theologischen Quartett gewinnen können, haben unsere heutigen Diskutanten „ihre“ Bücher schriftlich besprochen und laden Sie herzlich ein, sich bei der Lektüre anregen zu lassen – vielleicht mit einem Glas Wein – und dann den lokalen Buchhandel zu unterstützen und in der Buchhandlung Ihres Herzens die Bücher zur Lektüre zu erwerben.

Wir wünschen Ihnen frohe Lesestunden – Lesen lohnt sich!!!

 

Ein Beitrag von Rainer Tüschenbönner

Rainer Tüschenbönner ist der Leiter des Kath. Bildungswerks Köln und des DOMFORUMs.


Das Tagebuch der Menschheit

Der Anthropologe und Evolutionsbiologe Carel van Schaik (geb. 1953 in den Niederlanden, Orang-Utan-Forscher an der Universität Zürich) hat zusammen mit dem Historiker und Literaturwissenschaftler Kai Michel (geb. 1967, Journalist) ein Buch über die Bibel geschrieben. Was erzählt das Buch der Bücher eigentlich über Evolution der Menschheit?
Das ist eine ganz neue Perspektive auf die Hl. Schrift der Juden und der Christen. Sie ist nach Meinung der Autoren nicht nur ein Zeugnis der Religion; es ist das „wichtigste Buch der Menschheit“, denn sie erzählt unsere Evolution. Sie nehmen uns mit auf eine spannende, evolutionstheoretisch inspirierte Erkundungstour, von Adam und Eva bis zur letzten Schlacht der Apokalypse. Mit dieser kenntnisreichen, wissenschaftsgestützten, biologisch-anthropologischen Perspektive erscheinen viele Geschichten der Bibel in neuem Licht, auch manche mysteriösen Eigenarten Gottes - z.B. sein unbändiger Zorn – werden verständlich. Die Vertreibung aus dem Paradies steht für sie für das wohl folgenreichste Ereignis der Menschheitsgeschichte: den Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum sesshaften Dasein, das neben allem Fortschritt das Schuften im Schweiße unseres Angesichts, Ungleichheit und große, anonyme Gesellschaften zur Folge hatte. Jetzt beginnen Verteilungskämpfe um Boden und Besitz.

 Streit und Krieg sind die Folge, ebenso treten bedingt durch das enge Zusammenleben von Tier und Mensch verheerende Krankheiten auf. Phänomene, die uns bis heute – gerade sehr aktuell – beschäftigen.
Aus diesem anthropologischen Verständnis heraus ist der Glaube an Gott als Bewältigungsstrategie für die Herausforderung einer neuen Daseinsweise zu sehen. So gelesen ist die Bibel das Buch der Menschheit, das zeigt, „wie wir lernten in großen Gesellschaften zu leben, warum uns das moderne Leben mitunter so absurd vorkommt und wie so vielen von uns ein unbestimmtes Gefühl zu schaffen macht, das wir als ein Heimweh nach dem Paradies beschreiben.“

In dieser Perspektive erscheint Jesus als der konservativste Vertreter einer Wiederkehr zu der Mentalität von Jägern und Sammlern. Bei ihm und seinem Freundeskreis finde sich die für kleine archaische Horden typische Unterscheidung von Binnenmoral und Außenmoral. Die Mitglieder der Gläubigen sehen sich als Brüder uns Schwestern, besitzen kein privates Eigentum, wandern heimatlos mit Jesus durchs Land und ernähren sich von dem, was sie gerade auf den Feldern finden. Jesu Programm heißt: Zurück in die Steinzeit.

Warum ich dieses Buch zum Lesen empfehle: Das Buch spiegelt Seite für Seite die Entdeckerfreude der beiden Autoren wider, die, selber dem Glauben fernstehend, in intensiven Diskussionen einen ganz neuen Zugang zur Bibel entwickelt haben. Leser*innen werden auf ihre Entdeckerreise mitgenommen und gewinnen, das kann ich versichern, eine völlig neue Sicht auf die Bibel mit überraschenden Einsichten. Zugleich wird man als gläubiger Mensch ganz gehörig verunsichert. Ist denn Gott nur eine Konstruktion, die dazu diente, die Herausforderungen der neolithischen Revolution in den Griff zu bekommen? Diese Frage lässt einen nicht mehr los und gibt zu denken- auf dem neuesten Stand der Wissenschaft.

 

Ein Beitrag von Heidi Ruster

 

Carel van Schaik & Kai Michel:
Das Tagebuch der Menschheit – Was die Bibel über unsere Evolution verrät (Rowohlt, 8. Aufl. 2018, org. englisch 2016), 16 Euro (Tb) 

Ein Mönch in Geiselhaft

Navid Kermani beendete seine Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2015 in der Frankfurter Paulskirche mit den Worten: „Und so bitte ich Sie, meine Damen und Herren, beten Sie für Jacques Mourad, beten Sie für Paolo Dall’Oglio, beten Sie für die Christen von Qaryatein, beten Sie oder wünschen Sie sich die Befreiung aller Geiseln und die Freiheit Syriens und des Iraks. Gern können Sie sich dafür auch erheben, damit wir den Snuffvideos der Terroristen ein Bild unserer Brüderlichkeit entgegenhalten.“

Jaques Mourad hat seine Erinnerung an die fünfmonatige Geiselhaft als Gefangener des Islamischen Staates (IS) in ein Diktaphon gesprochen, die Amaury Guillem zu einem Buch zusammengestellt hat. Es ist ein Tagebuch, das am 21. Mai in Syrien beginnt und im April 2016 in Cori, Italien endet. Jaques Mourad wirkte als Mönch in den syrischen Klöstern Mar Musa (Kloster des Heiligen Moses von Abessinien) und Mar Elian (dem Märtyrer Elian von Emesa gewidmet). Er selbst und sein Gefährte, der Seminarist Boutros, werden aus ihrem Kloster von der Miliz des IS entführt, gefoltert, gedemütigt und fortwährend mit ihrer Hinrichtung bedroht. Das Buch ist ein eindrucksvolles Glaubenszeugnis der Gewaltlosigkeit in der Nachfolge Christi. Gewaltlosigkeit und Barmherzigkeit lehrt Mourad nicht theoretisch am Katheder, sondern lebt sie in der extremen Situation der Gewalterfahrung und Todesangst. „Nehmt die Zeit der Gefangenschaft als Exerzitien“, empfiehlt ein Emir des IS. Und genau das übt Mourad. In keinem Augenblick kann er sicher sein, dass seine Glaubensüberzeugung ihn nicht in den Tod führt. Und doch bleibt er sich und seinem Glauben treu. Gewalt bringt nur neue Gewalt hervor. Was trägt ihn in dieser Zeit? Die Besinnung auf das Evangelium, seine geistliche Verbundenheit mit Christus und das Gebet.

Warum empfehle ich die Lektüre dieses Buches? Weil es nicht die Gewalt verharmlost, die Menschen – in diesem Fall Angehörige des IS – anderen antun. Weil es ein überwältigendes Zeugnis der Gewaltlosigkeit in der Nachfolge Christi beinhaltet. Weil es uns, die wir im Westen sicher leben, den Blick auf die Leidenden in den Kriegsgebieten Syriens lenkt. Weil es uns ermahnt, die verfolgten und ermordeten Christinnen und Christen nicht zu vergessen. Weil es uns zum Gebet für die Verfolgten aufruft. Pater Mourad ist aus den Fängen des IS frei gekommen und konnte fliehen. Der Jesuit Paolo Dall’Oglio wurde 2013 ebenfalls vom IS verschleppt. Von ihm fehlt bis heute jedes Lebenszeichen.

Ein Beitrag von Werner Höbsch

 

Jaques Mourad: Ein Mönch in Geiselhaft. Fünf Monate in den Fängen des Islamischen Staates, Hildesheim 2019, ISBN : 978-3-96423-019-5, 18 Euro


Die Bedeutung des Glaubens

 

 

Aufgabe von Philosophie ist es, die Welt und die Menschen besser verstehbar zu machen. Tim Crane ist ein bedeutender Philosoph und hat sich vorgenommen, die Menschen, die einer Religion angehören, besser zu verstehen. Für den britischen Philosophen ist das eine besondere Herausforderung, denn er ist Atheist und als solcher ärgert er sich über die zahlreichen atheistischen Glaubensgenossen, die Religion nicht verstehen, sondern verurteilen wollen, wie z.B. Richard Dwarkin mit seinem Bestseller »Der Gotteswahn«. Der Ansatz von Crane ist einfach und überzeugend zugleich. Er will »so breit und so offen wie möglich die Frage diskutieren, was Religion für Menschen bedeutet«. Crane setzt sich dieser Mühe aus, weil er davon überzeugt ist, dass er damit nicht nur die Theisten besser versteht, sondern einen »fundamentalen Teil der menschlichen Zivilisation und Geschichte« und damit sich selbst. Crane sortiert die Bedeutung des Glaubens in zwei Grundkategorien. Wer glaubt wird zum einem durch einen »religiösen Impuls« angetrieben, der sagt, dass »all das hier doch nicht alles sein kann«. Zum anderen ist Religion nicht ohne die Kategorie »Identifikation« denkbar, die durch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und einer Tradition gewonnen wird. Die Verknüpfung dieser beiden Kategorien des religiösen Glaubens gelingt durch die »Idee des Heiligen«. Crane begegnet dem von Atheisten häufig formulierten Vorwurf, dass Religion ein protowissenschaftliches Welterklärungsmodell sein. Er betont vielmehr den grundsätzlichen Unterschied zwischen Glauben und Wissenschaft. Während die Wissenschaft den Anspruch haben muss, durch immer neue Erkenntnisse Wissenslücken zu schließen, gehört es zum Wesenskern der Religion »das Explizierbare mit dem Nichtausdrückbaren« zu verbinden. Dies bleibt ein ständiges Ringen und ist damit zugleich ein Schutz gegen ein fundamentalistisches Ausleben von Religion. 

Crane bietet mit diesem sehr gut lesbaren Buch einen Ausweg. Einen Ausweg aus der Einbahnstraße, in der sich Atheisten und Theisten allzu oft mit dem unproduktiven Versuch begegnen, den anderen zu bekehren. Hilfreicher ist für Crane vielmehr Toleranz. Mit diesem Vorschlag entgeht er der Gefahr, als ›anonymer Christ‹ vereinnahmt zu werden. Er bleibt bei einer grundsätzlich negativen Beurteilung von Religion, denn »Toleranz impliziert, dass man ablehnt, was man toleriert«. Toleranz eröffnet aber die Möglichkeit, mit denen in Frieden zu leben, deren Meinung wir nicht teilen.  

Das Buch hat der Atheist Crane für Atheisten geschrieben. Er plädiert dafür, dass sie »den Versuch unternehmen, Religion zu verstehen«. Nach der Lektüre des Buches habe ich mich als glaubender Mensch bestens verstanden gefühlt. Und mich selbst besser verstanden. Von daher ist es nicht nur ein gutes Buch für Atheisten.

Ein Beitrag von Norbert Bauer

 

Tim Crane - Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten ISBN: 978-3-518-58739-3 Suhrkamp 22 Euro


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