Das Alte im Neuen

Wenn die Bibel sich selbst zitiert

Fotos (c) Friedbert Simon in Pfarrbriefservice.de
Fotos (c) Friedbert Simon in Pfarrbriefservice.de

Eigentlich... hätte am gestrigen Dienstag-Abend ein zweiteiliges DomBibelForum Spezial beginnen sollen unter der Überschrift „Das Alte im Neuen“. Angespielt wird mit diesem Titel auf die Eigenart des Matthäus-Evangeliums im Neuen Testament, aus dem Alten Testament zu zitieren. Das klingt dann z. B. so:

„Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ (Mt 2,15)

 

Mindestens drei Motive stehen dahinter, wenn Matthäus aus dem Alten Testament zitiert:

  • Gott steht zu seinem Wort über die Zeiten hinweg. Es gilt und birgt in sich Bedeutungen, die erst in Jesus zutage getreten sind.
  • Jedes Zitat ruft den gesamten alttestamentlichen Textzusammenhang in Erinnerung, aus dem es genommen ist.
  • Indem das alttestamentliche Zitat von Matthäus in einen neuen Zusammenhang gestellt wird – es geht ja immer um ein Jesus-Ereignis -, verändert es seine ursprüngliche Bedeutung und Absicht.

Mit dem kleinen, vielleicht harmlos klingenden Beispiel Mt 2,15 soll das Gemeinte veranschaulicht, seine aktuelle Brisanz gezeigt und zugleich Lust auf mehr gemacht werden. Denn im nächsten Jahr soll das Corona zum Opfer fallende DomBibelForum Spezial erneut angeboten werden.

 

Der alttestamentliche Zusammenhang

Das oben angeführte Zitat stammt aus dem Prophetenbuch Hosea. In dessen 11. Kapitel eröffnet der gleichnamige Prophet des 8. Jh. v. Chr. im Namen Gottes eine längere Rede mit den Worten: Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr man sie rief, desto mehr liefen sie vor den Rufen weg. (Hos 11,1-2)

Worum geht es? Die Rettung der Hebräer aus Ägypten, dessen Pharao (in der Schilderung des Buches Exodus) aus Asylanten Bausklaven gemacht hatte, wird als Geburtsstunde des Volkes Israels gedeutet. Sein „Erzeuger“ und „Vater“ ist Gott selbst, der mit Hilfe des Mose sein geliebtes Kind („meinen Sohn“) Israel aus der Willkürherrschaft in die Freiheit herausgerufen hat. Doch – im weiteren Geschichtsverlauf versucht sich dieses Kind von seinem „Vater“, sprich: Gott, zu emanzipieren und will sein Leben ohne ihn führen …

 

Hier muss die Auslegung leider abbrechen. Für jetzt reicht die Feststellung: Ägypten steht eindeutig als Unterdrückervolk für das Böse, das verheißene Land hingegen, genannt Israel, steht für die gottgeschenkte Freiheit. Und dazwischen bewegt sich ein Volk, das zwischen Gottesbindung und gott-losen Freiheitsvorstellungen hin und her pendelt. Zur Zeit des Propheten Hosea hat es sich vollständig von seinem Gott verabschiedet. Es herrscht eine Art Wirtschaftskannibalismus. Dennoch entscheidet sich dieser unverbesserlich liebende Gott, sich selbst und sein Volk nicht seinem Zorn zu überlassen. „Wie könnte ich dich preisgeben …?“ heißt es sogar zweimal aus dem Munde Gottes in der Stimme des Propheten (Verse 8 und 9).

 

Der neutestamentliche Zusammenhang

Aus dieser Prophetenrede zitiert der Evangelist Matthäus am Schluss des kleinen Abschnitts über die Flucht der Eltern Jesu mit dem neugeborenen Jesus nach Ägypten (Mt 2,13-15). Das alte Wort liest sich völlig neu: „Mein Sohn“ wird auf einmal zur vorausverweisenden Rede über Jesus, über den Gott in der Taufe sagt: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,17). Der Geburt nach kommt er aus Betlehem. Und doch vereint der Vater des Volkes Israels, aus dem ja auch die Judenchristen stammen, die Geschichte seines Sohnes Jesus mit der Geschichte Israels.

An dieser Stelle wird es spannend. Denn Matthäus bringt das Zitat nicht im Rahmen der Rückkehr aus Ägypten, sondern im Rahmen der Flucht nach Ägypten. Das ursprünglich „böse“ Unterdrückerland wird zum Rettungsland für die Familie Jesu. Das Land, aus dem es zu fliehen gilt, ist hingegen Israel. Ein irritierender Rollentausch hat stattgefunden: Herodes ist der Pharao der Zeit Jesu, und der weilt nicht im fremden anderen Land.

 

Brisanz für heute

So weiß bereits die Heilige Schrift: Es gibt keine „Achse des Bösen“ (George W. Bush), die nach Grenzen und Nationalitäten verläuft. Und jemand, der sich einmal übel verhalten hat, muss deswegen nicht auf ewig der Böse bleiben. Ägypten wird zum Zufluchtsland und übernimmt wieder die positive Rolle, die es bereits in der alttestamentlichen Josefsgeschichte hat. Und Herodes zeigt, dass das „Prinzip Pharao“, dem es nur um Machterhalt geht, inmitten des Volkes Gottes Einzug gehalten hat. Und man darf sicher sein: Herodes hat auch seine Parteigänger in diesem Volk. Denn an der Macht Anteil zu erhalten, bleibt – Glaube hin, Glaube her – verlockend. Diesem Denken wird Jesus am Ende zum Opfer fallen: auf Golgotha. Doch Matthäus spielt mit dem Zitat auf den ganzen Hosea-Text an. Deshalb gilt auch: Trotz allem überlässt Gott sich selbst und die Seinen nicht seinem Zorn. Die Antwort auf die Tötung lautet: Auferweckung.

 

Als Handlungsmaxime wird daraus erkennbar: Den anderen in jedem Fall leben lassen …

 

Ein Beitrag von Gunther Fleischer

Dr. Gunther Fleischer ist der Leiter der Bibel- und Liturgieschule des Erzbistums Köln


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