Tagung zur Filmauswahl in der Virtualität

Und eine Kurzfilmreihe im improvisierten Autokino

Eine Mutter verfolgt heimlich das Live-Video ihres Sohnes Víctor auf Youtube. Während die Fragen seiner Follower immer persönlicher werden, wird deutlich, dass sich der Junge von seinen Eltern entfremdet hat. Der gute Rat eines Zuschauers, den Kontakt mit den Eltern wieder zu suchen, ist für ihn nicht so einfach umzusetzen. Doch geschützt durch die Anonymität der sozialen Medien, versteckt hinter Pseudonymen, wird das jahrelange Schweigen plötzlich durchbrochen. Der Kurzfilm „Cocodrilo“ von Jorge Yúdice (Spanien 2019) zeigt auf unterhaltsame Weise, wie durch die Distanz der sozialen Medien menschliche Nähe geschaffen wird und Mutter und Sohn wieder zusammenfinden.

Foto (c) Thorsten Kern, Foto Teaser (c) S. Temmen
Foto (c) Thorsten Kern, Foto Teaser (c) S. Temmen

Menschen zusammenführen und dabei auf das Social Distancing zu achten war in den vergangenen Monaten auch in der kirchlichen Filmarbeit oberstes Gebot und eine neue Aufgabe. Der Film „Cocodrilo“ war ein Beitrag unter Vielen im Rahmen der Medienbörse der Evangelischen und Katholischen Kirche. Eigentlich hatten die Veranstalter zu einer mehrtägigen Tagung ins Katholisch-Soziale Institut (KSI) auf den Michaelsberg in Siegburg eingeladen. Im Kreise von mehr als 100 Mitarbeitenden der kirchlichen Medienstellen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wollte man über die Filmarbeit ins Gespräch kommen, Erfahrungen austauschen, voneinander lernen und viele neue Kurzfilme, Dokumentationen und Spielfilme sichten und bewerten. Doch die Corona-Pandemie machte dem kollegialen Austausch einen Strich durch die Rechnung. Aus der Not heraus planten die Veranstalter um

und verlegten die Tagung kurzerhand in die Virtualität. So sichteten die Kolleginnen und Kollegen die Filme von ihren heimischen PCs aus, gaben ihre Kommentare und Bewertungen schriftlich ab und lasen, was andere über die Filme dachten. Auch wenn der persönliche Kontakt schmerzlich vermisst wurde, hatte diese Form auch einige Vorteile zu bieten. Der Reisestress entfiel, die Sichtung der Filme erfolgte in freier Zeiteinteilung und Filme konnten auch mehrmals geschaut werden.

 

Die erste Online-Medienbörse endete mit hundertfachen Downloads von 40 Filmen, von denen „Cocodrilo“ ebenso hervorzuheben ist wie der amerikanische 7-minütige Animationsfilm „Hair Love“ (USA 2019). Viele fühlten sich bei dem Film sicher an die eigene Herausforderung erinnert, ihren Kindern aufgrund der geschlossenen Frisörläden während des Lockdowns die Haare zu schneiden. In dem Trickfilm (Preisträger des Oscars 2020) steht ein afroamerikanischer Vater vor genau diesem Problem. Mit viel Einfallsreichtum findet er schließlich eine Lösung und die Geschichte ein überraschendes Ende.

Ausschnitt Plakat "Augenblicke 2020"
Ausschnitt Plakat "Augenblicke 2020"

Großen Einfallsreichtum bewiesen auch die Mitarbeitenden im Katholischen Familienzentrum Mariengarten in Pulheim. Aufgrund der der Pandemie geschuldeten Restriktionen stand die Durchführung der jährlich im Frühjahr stattfindenden Kurzfilmreihe AUGENBLICKE auf der Kippe. Die elf Kurzfilme wie ursprünglich geplant im Familienzentrum zu zeigen, war nicht erlaubt. Doch mit der Tradition zu brechen und die Filmreihe in diesem Jahr ersatzlos zu streichen, kam den Veranstaltern (weitere Partner der Veranstaltung: Kölnton Rental und das Frechener Kino) nicht in den Sinn. Die Lösung des Problems bestand in einer 40 Quadratmeter großen Leinwand, die an die Backsteinfassade des örtlichen Walzwerkes montiert wurde. Der Eigentümer des Walzwerkes stellte den Parkplatz zur Verfügung. Nachdem Anfang der 90er Jahre das letzte Autokino in Pulheim geschlossen hatte, erlebte dieses Format ein viel beachtetes Revival. Generell durften in einem Auto nur Personen sitzen, die in einem Haushalt lebten. Dass die Zuschauer in den 35 Autos die Filme sichtlich genossen, war nach dem Ende der Sichtung deutlich zu hören und zu sehen: Es wurde eifrig gehupt und geblinkt. So soll das als Notlösung gedachte Autokino nach Aussage der Beteiligten zu einer Fortsetzungsgeschichte werden. Es wäre ihnen zu wünschen.

Von Kurzfilmtage - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42610929

Ebenso wie die kleine Schwester Medienbörse fanden die 66. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen im Mai ebenfalls nur online statt. Insgesamt sahen Menschen in 100 Ländern die Festivalfilme im Netz, was den Veranstaltern einen größeren Erfolg als angenommen bescherte. So wurden auch ausgesuchte Kurzfilme speziell für den Einsatz im Religionsunterricht von rund 60 Religionslehrerinnen und Religionslehrern online gesichtet und analysiert. Die Teilnehmenden der Fortbildung konferierten abschließend in einem Webinar und wählten ihren Favoriten, der als DVD und Online-Film der Bildungsarbeit zur Verfügung gestellt wird. In dem Gewinnerfilm „Christy“ von Brendan Canty (Irland 2019) hat ein 16-jähriger Schulabbrecher ein Bewerbungsgespräch in einem Baumarkt. Dieses ist aufgrund der falschen Hilfe seines älteren Bruders aber zum Scheitern verurteilt.

 

Eigentlich wären die genannten Filmveranstaltungen, die vom direkten Austausch möglichst vieler Kolleginnen und Kollegen leben, aufgrund der behördlichen Einschränkungen auch zum Scheitern verurteilt gewesen. Doch durch rasches Eingreifen wurden die Treffen in die Virtualität verlegt und konnten stattfinden. Sehr viele Kolleginnen und Kollegen der kirchlichen Filmarbeit haben sich auf diese Form der Zusammenarbeit eingelassen. Sie stellten fest, dass es, wie in dem Kurzfilm „The Neighbors´ Window“ (USA 2019), der bei der Medienbörse den größten Zuspruch erhielt, manchmal zwei sich nicht ausschließende Sichtweisen gibt. Es bleibt zu hoffen, dass aus den Erfahrungen des Frühjahres in Zeiten der Corona-Krise eine neue zukunftsfähige Kultur der Zusammenarbeit erwächst. Idealerweise sollte dies aber aus Überzeugung geschehen und nicht aufgrund gesundheitlicher Vorgaben.

 Ein Beitrag von Jürgen Pach

Jürgen Pach ist Leiter der Medienzentrale in der Diözesan- und Dombibliothek Köln

 

Logo: Kurzfilmtage - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42610929


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