Der Finder verlorener Sachen

Der 13. Juni ist der kirchliche Gedenktag des Hl. Antonius von Padua

Man muss sich das einfach einmal vorstellen, sich in die Situation hineinversetzen: wir sind im Jahr 1221, in der Nähe von Assisi, tausende von Franziskanern sind da, Generalkapitel an Pfingsten, Pläne werden geschmiedet, Predigertrupps zusammengestellt, alles ist voller Aktion – und dann das:

Festtag des Hl. Antonius in Lissabon, Foto (c) Fiore Silvestro Barbato CC BY-SA 2.0, Foto Teaser: Briefmarke des Königreichs Italien von 1931
Festtag des Hl. Antonius in Lissabon, Foto (c) Fiore Silvestro Barbato CC BY-SA 2.0, Foto Teaser: Briefmarke des Königreichs Italien von 1931

Nachdem das Kapitel wie gewöhnlich abgeschlossen worden war und die Oberen die ihnen anvertrauten Brüder zu ihrem Bestimmungsort geschickt hatten, blieb nur Antonius verlassen beim Generalminister zurück, da er von keinem Provinzialminister gewünscht worden war – wie einer der, weil er unbekannt war, zu nichts gut schien. Endlich, nachdem er Bruder Gratian beiseite gebeten hatte, nahm ihn dieser mit in die Romagna, um ihn dort in die ersten Grundlagen des Ordenslebens einzuführen.

 

Kein Honigschlecken für den, der da zurückbleibt und zu nichts nütze erscheint. Voller Elan und Enthusiasmus ist der aus Lissabon stammende Antonius ein paar Monate vorher aufgebrochen, hat den Orden verlassen, dem er gut zehn Jahre angehört hat und ist zu den Franziskanern übergetreten (seitdem heißt er >> Antonius<<). Kaum Franziskaner geworden, hat er alles aufs Spiel gesetzt und ist nach Marokko aufgebrochen, um dort zu missionieren und den Märtyrertod zu erleiden. Doch diese Reise schlägt fehl. Ein schwerkranker Franziskanerneuling wird, statt nach Portugal, nach Italien verschlagen, landet mitten in der jährlichen Hauptversammlung der jungen Brüderbewegung bei Assisi (Franziskus ist auch da!) – und kein Mensch nimmt Notiz von ihm, keiner erkennt, was für Talente, Begabungen und Fähigkeiten in diesem jungen Portugiesen stecken. Das lange gewohnte, sichere Leben verloren, die Hoffnungen auf eine Karte gesetzt (nämlich mit den noch ganz >>neuen<< Franziskanern, den Minderbrüdern, eine radikalere Form der Nachfolge Christi in Armut und Gehorsam zu leben!), mit dem ersten Versuch jetzt krank – und dann das: die Brüder nehmen keine Notiz, lassen ihn stehen, ihn, der müde und enttäuscht ist, krank und dazu noch kaum Italienisch kann.

Antoniterkirche Köln, Foto (c) Raimond Spekking CC BY-SA 4.0
Antoniterkirche Köln, Foto (c) Raimond Spekking CC BY-SA 4.0

Und aus diesem Randständigen, aus diesem Statisten, der aller Hoffnungen und allen Lebens beraubt scheint, wird der große Heilige, der Antonius von Padua, >> il santo<<, der Heilige schlechthin für die Italiener – ein Gigant der franziskanischen Gründerzeit! Kaum zu glauben, aber wahr; doch in diesem einsamen und verlassenen Augenblick werden weder er noch seine Mitbrüder daran gedacht haben, es geahnt haben. Es ist dann wieder ein kaum zu begreifender >>Zufall<<, durch den aus dem Übersehenen ein Mittelpunkt wird: Nachdem Antonius von einem gnädigen Ordensoberen mitgenommen und für einige lange Monate in eine Einsiedelei geschickt wurde, kommt es anlässlich einer Priesterweihe zu >>seinem<< großen Augenblick: Keiner der anwesenden Franziskaner und Dominikaner ist vorbereitet, keiner will die Predigt übernehmen. Und da ist dann ein >>Notnagel<<, der, so die Legende, auf höheren Befehl hin in der Küche gelandet war – als Tellerwäscher, anscheinend zu nichts anderem brauchbar. Antonius! Und dieses lange begrabene, lange verborgene Talent predigt aus dem Stegreif so, dass es die Anwesenden schlicht vom Sessel haut. Damit ist aber auch die Karriere der letzten neun Lebensjahre in dieser kurzen Vita festgelegt: Prediger, Volksprediger wird er sein, dieser Antonius, in Italien und in Südfrankreich, wird erfolgreicher >>Ketzerbekehrer<< und zwischendurch auch einer der ersten Theologielehrer des jungen Franziskanerordens. Aus dem, der da am Rande einer Versammlung steht, wird der, der dann in fast jeder Kirche als Statue steht, wird der, als >>Patron der Schlamper<< zuständig sein soll für alle verlorenen Dinge … Kaum zu glauben! Ein Enttäuschter, Angeschlagener und eher Aussichtsloser wird zum Titanen unter den Heiligen aus dem Franziskanerorden – an manchen Orten verdrängt er sogar den >>großen<< Bruder Franziskus. Und das, obwohl kaum etwas aus seinem Leben an gesicherten Daten zu haben und kein authentisches Wort aus seiner Hand überliefert ist: All das ist verloren an die Geschichte, verloren an den Dschungel von Legenden, die sich über Antonius gelegt haben und seinen oft durchkreuzten Lebensweg…

 

Ein Beitrag von Andreas-Pazifikus Alkofer (+)

(aus: Woran sie glaubten – wofür sie lebten, 365 Wegbegleiter für die Tage des Jahres, Kösel 1993)

 

Wir bedanken uns herzlich beim Orden der Franziskaner-Minoriten,

die uns den Abdruck des Textes ihres früh verstorbenen Mitbruders

Pater Prof. Dr. Andreas-Pazifikus Alkofer gestattet haben.


Lesehinweise:

  • Das Buch von Pater Andreas-Pazifikus Alkofer ist antiquarisch erhältlich: Antonius von Padua. Franziskaner auf Umwegen. Auf der Suche nach der eigenen Lebensspur. Echter 1994
  • Ein ausführlicher Artikel über den Heiligen Antonius findet sich im Ökumenischen Heiligenlexikon
  • Eine moderne Erzählung des Lebens des Hl. Antonius liefert Michael Köhlmeier: Der Mann, der Verlorenes wiederfindet. Hanser 2017

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