Chorsingen - die Seele zum Klingen bringen

"Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin" (Psalm 104:33)

Seit einigen Jahren singe ich in den Chören an der Bonner Wallfahrtskirche St. Adelheid am Pützchen. Es sind keine Kirchenchöre im eigentlichen Sinn, sondern sie haben sich aus stadtteilübergreifenden Projektchören entwickelt.

 

Eigentlich... hätte unser Kantatenchor mit den ersten Stücken unseres neuen Repertoires die jüngst vergangenen Kirchenfeste begleiten sollen: zu Ostern und Pfingsten, an Christi Himmelfahrt und an Fronleichnam. Stattdessen aber fand unsere letzte Probe im März statt, vor dem durch die Coronapandemie bedingten Lock-down. Seitdem herrscht, was unsere gemeinsame musikalische Arbeit angeht, Schweigen.

Foto (c) M. Hersam, Foto Teaser (c) Peter Weidemann in Pfarrbriefservice.de
Foto (c) M. Hersam, Foto Teaser (c) Peter Weidemann in Pfarrbriefservice.de

An mir selbst merke ich, dass meine Stimme aus dem Training kommt. Dagegen könnte ich natürlich etwas tun. Aber so oft ich mir vornehme, bei meiner nächsten Autofahrt laut zu singen und die Stimmbänder mal ordentlich zu dehnen – ich höre doch sehr schnell wieder damit auf. Was mir fehlt, ist die Gemeinschaft. Die vielen Mitsängerinnen und Mitsänger, mit denen ich seit Jahren zusammen singe. Freundschaften sind daraus entstanden, besonders mit denen, die in meiner Stimmlage singen, also nah um mich herum sitzen. Ich habe mich gewundert, wie schnell das eigentlich gegangen ist. Und wie leicht ich aber auch zu den Sängerinnen und Sängern der anderen Stimmen einen Draht finde. Da wir aus ganz Bonn, zum Teil sogar aus den umliegenden Städten und Ortschaften zu den Proben kommen, ist es nicht der Alltag eines gleichen Stadtteils, der uns verbindet. Sondern unsere Gemeinsamkeit scheint auf etwas Tiefergehendem zu basieren: In der Entscheidung, anspruchsvolle geistliche Musik zu singen. Ganz unwillkürlich übernehmen wir - neben dem musikalischen Ereignis - mit dem Singen der geistlichen Texte eine Rolle als Verkündiger. Verkündiger der Frohen Botschaft, Botschafter der umfassenden Liebe Gottes und seines Trostes.

 

Verkündigung braucht ein Publikum – so könnte man denken. An mir persönlich aber merke ich, dass bei den Proben ich selbst die Adressatin dieser Verkündigung bin. Und dass mir der Gesang zum Gebet wird. Das ist es wohl, was mir in letzter Zeit so fehlt. Im Singen bete ich. Auch wenn es festgeschriebene Texte sind, die vielleicht gar nichts mit meinen aktuellen Freuden oder Sorgen zu tun haben mögen. Und auch wenn wir einzelne Stellen wieder und wieder proben und sich alles wiederholt. Chorproben haben keine liturgische Dimension. Dennoch aber sind sie mir im Lauf der Jahre zum Gottesdienst geworden.

 

Ein Beitrag von Dorothee Haentjes-Holländer

Dorothee Haentjes-Holländer lebt als freiberufliche Autorin und Übersetzerin in Bonn-Beuel.

www.dorothee-haentjes-holländer.de


Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Mit einem RSS-Reader in Ihrem Browser  können Sie diesen Blog  abonnieren.  Im Browser wird dann jeweils angezeigt, wenn sich in diesem Blog etwas getan hat. Kopieren Sie dazu diese URL in Ihren RSS-Reader: https://eigentlich.koeln/rss/blog/     

In vielen Browsern ist ein RSS-Reader bereits integriert oder kann als kostenfreie Erweiterung heruntergeladen werden.

Wir empfehlen z.B. Feedbro Reader für >>> Firefox oder für >>> Chrome.